“Der Wähler” – also die theoretische statistische Gesamtheit einer personalisierten Wählerschaft – ist schon ein faszinierendes Wesen.
Aktuelle Umfragen zeigen die gegenwärtige Regierung, noch nicht einmal ein Jahr nach der Wahl und trotz WM in einem 10-Jahres-Tief, die FDP dort, wo sie hingehört aber die SPD befindet sich schon wieder im Aufwind. Das kann man als Anlass nehmen, um mal einen Blick auf diesen ominösen Wähler zu werfen, der laut Qualitätsmedien vorrangig unsere Entscheidungen trifft:
→ Er wählt lieber Parteien und Personen, statt Inhalte. Die Taten dieser Personen spielen dabei keine Rolle, entscheidend ist nur, was sie sagen.
→ Er wählt “das kleinere Übel”, anstatt jemanden, der seine Interessen vertritt.
→ Er glaubt, seine Stimme sei vertan, wenn er nicht eine Partei wählt, die es am Ende auch ins Parlament schafft, statt eine Partei, die seine Interessen vertritt.
→ Er glaubt, er hat verloren, wenn er nicht die Partei wählt, die am Ende die Regierung stellt.
→ Er ist der festen Überzeugung, daß nur 5 Parteien zur Wahl stehen.
→ Weitere Parteien werden aus Prinziep nicht gewählt, weil sie ja “keine Chance” haben.
→ Er wechselt von der SPD zur CDU und umgekehrt, weil ihm die Politik der einen nicht passt, obwohl die andere dieselbe Politik unter minimal anderen Vorzeichen macht.
→ Er wechselt von der FDP zu den Grünen und umgekehrt, weil ihm die Politik der einen nicht passt, obwohl die andere dieselbe Politik unter minimal anderen Vorzeichen macht.
→ Die Partei, mit der größten Meinungsdeckung in der Wählerschaft (also mit ihm :) ) nennt er “linke Spinner”.
→ Er hat sich einreden lassen, daß 40%+ eine Mehrheit ist und nicht etwa nur die größte Minderheit. Von dieser Minderheit wird er dann regiert.
→ Er hält inhaltliche Diskussionen innert der Politik für einen Zeichen von Zerstrittenheit, die es um jeden Preis zu vermeiden gilt.
→ Er glaubt wirklich, daß das Ausstellen eines Freifahrtscheins für 4 Jahre, ohne jede Einflussnahme seinerseits, für die größte Minderheit, Demokratie ist.
Und am Ende wundert er sich immer, daß sich in der Politik nichts ändert.1
- Da fragt man sich doch ernsthaft: Will man so jemandem tatsächlich politische Entscheidungen überlassen? :) [↩]

Genau so erlebe ich es tagtäglich in meinem mittelalterlichen Eifelstädchen und es beweist mir immer wieder 2 Dinge:
1. Tucholsky hatte Recht – “Wenn Wahlen die Verhältnisse ändern könnten, wären sie illegal.
2. Brecht hatte Unrecht – “Es wäre besser, die Regierung setzte das Volk ab und wählte sich ein neues.”
Warum sollte sie? Sie hat doch jetzt genau das hirnamputierte Stimmvieh, daß sie braucht, damit Einige Wenige ungestört bis in alle Ewigkeit in die eigene Tasche wirtschaften können.
Michael